text: Mathieu Knapp

Adam Sahad, geboren und aufgewachsen in guten Verhältnissen im heute vom Hunger bedrohten Mauretanien. Der mittlerweile 27-jährige Flüchtling erlernt zunächst den Beruf des Schneiders und verdient kein schlechtes Geld in seinem Heimatland. Allerdings zog ihn der Wunsch nach einem besseren Leben in den Kontinent, der Freiheit, Sicherheit und Wohlhaben verspricht. Seit fünf Jahren lebt er jetzt in Deutschland.

 

Herr Sahad. In Deutschland zu sein, was ist das für ein Gefühl?

Adam Sahad: Ich bin unglaublich dankbar, hier zu sein. Das müssen Sie wissen. Um aber ganz ehrlich zu sein, wollte ich eigentlich bis nach England.

Nach England? Wieso nicht nach Deutschland?

Zu Hause in Mauretanien in der Schule haben wir nur beigebracht bekommen, was damals in Deutschland los war während des Weltkrieges. Wie es hier jetzt ist, das wissen nur die wenigsten. Um ehrlich zu sein, hatte ich ein bisschen Angst, her zu kommen. Deutschland hatte für uns immer etwas mit Adolf Hitler zu tun. Ich weiß natürlich, dass dies nicht mehr der Fall ist.
Nach England wollte ich eigentlich ausschließlich, weil ich schon ein bisschen englisch konnte und mir die Kommunikation so sicher einfacher gefallen wäre. Aber nochmal: ich bin unheimlich glücklich, hier zu leben.

Haben Sie sich denn schon eingelebt?

Ja, sehr gut sogar. Ich habe eine Arbeit, eine Wohnung, spreche mittlerweile deutsch und spiele bei einem Fußballverein der Region.

Ein Beispiel für gelungene Integration. Kommen wir aber nun zu Ihrer Geschichte.

Ich würde nicht sagen, dass meine Reise besonders war. Ich war halt größtenteils alleine. Normalerweise reisen die Flüchtlinge ja in Gruppen. Dadurch, dass ich nicht auf einmal geflüchtet bin, habe ich mir nach und nach den Weg nach Europa geebnet.

Was bedeutet “alleine”? Können Sie mir ein paar Meilensteine auf ihrer Flucht nach Europa benennen?

Als erstes bin ich mit dem Bus von Mauretanien nach Mali gefahren. Dort lebte ich zunächst mal vier Jahre alleine und übte auch wieder meinen Beruf als Schneider aus. Mir ging es gut dort und ich war auch nicht wirklich sparsam. Nach vier Jahren allerdings erledigte ich eine Schneiderarbeit für eine Frau nicht rechtzeitig. Nachdem sie viermal vergebens nach ihrem Vorhang fragte, den ich noch nicht fertig gestellt hatte, brachte sie ihren Mann mit. Der arbeitete bei der Polizei und drohte mir, mich ins Gefängnis zu stecken. Und wenn man in Mali mal im Gefängnis ist, egal wegen was, kommt man da nicht mehr so einfach raus. Das war eigentlich der Grund, durch den ich mich entschied, nach Europa zu flüchten.

Wurden Sie also verfolgt?

Verfolgt nicht unbedingt. Ich hatte aber Angst, dass mich dieser Mann wirklich ins Gefängnis bringt.

Wie ging es weiter?

Anschließend habe ich einen Freund in Algerien kontaktiert. Ich wollte nun über Algerien nach Marokko und dann nach Europa. Über die Grenze von Mali half mir ein Freund meines Kontaktes. Er war groß und stark und ich vertraute ihm nicht wirklich. Deswegen entschied ich mich, kurz nachdem er mir über die Grenze half, dazu, vor ihm wegzulaufen. Er war zu steif und ich zu schnell, dass er mich hätte aufhalten können. So bin ich zwei Stunden lang durch den algerischen Wald gerannt bis es Abend war. Ohne Trinken, ohne Essen, völlig ausgetrocknet setzte ich mich nach den zwei Stunden auf den Waldboden. Plötzlich kam ein Mann auf mich zu. Ich dachte es ist vorbei. Er bringt mich um. Ich sprang direkt auf um möglicherweise einen letzten Aufstand zu wagen.
Dadurch, dass es dunkel war und er mich anscheinend nicht erkannt hatte, erschreckte er sich und rannte weg. Gott sei Dank.

Ging es über Algerien direkt nach Marokko, oder mussten Sie sich auch dort noch etwas aufhalten?

In Algerien musste ich ungefähr einen Monat warten, bis mir mein nächster Kontakt in Marokko die Fahrt mit dem Bus über die Grenze ermöglichte.
Nach dem Überschreiten der marokkanischen Grenze gab es kein Zurück mehr. Das wusste ich. Meine Überlebenschancen standen 50:50. Sobald die marokkanische Polizei Flüchtlinge entdeckt, kann man sich sicher sein, dass man mindestens ins Gefängnis kommt und da auch nicht gerade gut behandelt wird. Nach Marokko zu kommen ist kein Problem. Kontakte, die einen aus dem Staat herausbringen, gibt es so gut wie keine für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa.

In Marokko haben Sie sich dann also auf ihre Reise nach Europa vorbereitet. Wie lange hat das gedauert und wie waren ihre Gefühle bezüglich der anstehenden Reise mit dem Boot nach Europa?

In Marokko habe ich zunächst erstmal meine Bootreise organisiert. Ich musste meine Familie informieren, dass sie jemanden umgerechnet fast genau 1.000 Euro überweist, den wir gar nicht kennen und dem wir nicht vertrauen. Gott sei Dank hatte ich Glück. Nachdem meine Familie das Geld überwiesen hatte, bekam ich direkt einen Code. Diesen Code benutzte ich ab sofort immer, wenn ich mit jemandem meine Reise organisiert habe.
In den zwei Monaten, die ich in Marokko verbracht habe, habe ich mir jeden Tag eine neue Arbeit gesucht, durch die ich mir Geld verdient habe. Beispielsweise habe ich einmal für Handwerker Sandsäcke geschleppt. Solche Arbeiten.
Nach einiger Zeit habe ich eine Gemeinschaft mit anderen Flüchtenden gebildet. Jeder ist morgens raus gegangen und hat Geld für die Gruppe verdient, das dann immer zum Allgemeinwohl beigetragen hat. So konnten wir uns bis zur endgültigen Flucht versorgen.

Wie viele Flüchtlinge waren auf dem Boot und wie war die Überfahrt nach Europa?

200 Mann waren wir. Bei Nacht ging es los. Wir mussten sogar erst noch das Boot aufpumpen. Dann stellten einige die Frage, ob wir überhaupt losfahren, weil das Wetter unerwartet schlecht war. Die Angst vor der marokkanischen Polizei war allerdings viel zu groß, um nicht schon in dieser Nacht zu flüchten. Wir mussten das Boot langsam vom Strand ins Wasser schieben und dann aufspringen. Wer es nicht rechtzeitig auf das Boot geschafft hatte, wurde zurückgelassen. Das waren ungefähr nochmal 50 Leute.
Und dann ging es los. Uns wurde gesagt: “Fahrt vier Stunden geradeaus und drei Stunden nach rechts.” Aber ein Meer kann ja auch ein Boot drehen, da weiß man nie, wo man ankommt. Nachdem wir dann schon eine Nacht und einen Tag unterwegs waren, wurden manche auf dem Boot verrückt. Sie drehten durch. “Niemals kommen wir in Europa an”, riefen sie. Sie drohten sogar damit, vom Boot zu springen und es kaputt zu machen, sodass wir alle sterben. Zudem war unser Kompass kaputt.
Nach etlichen Telefongesprächen mit der Küstenwache und kurzer Orientierung an der Sonne konnten wir auf ein vorbeifahrendes Schiff aufsteigen. Anstatt 15 Stunden verbrachten wir zwei Tage und zwei Nächte auf hoher See bis wir schließlich an der spanischen Küste bei Gibraltar angekommen waren.

Welche Rolle spielt die Angst bei solch einer Flucht?

Angst darf keine große Rolle spielen. Ansonsten drehst du durch. Wie ich sagte, die Überlebenschancen sind 50 Prozent. Das ist nicht übermäßig viel.

Abschließend. Wie wurden Sie hier in Europa empfangen und wie schnell sind Sie nach Deutschland weitergereist?

In Spanien hat uns die Polizei sehr freundlich empfangen. Wir bekamen Essen und wurden mit unseren Landsleuten, die schon länger in Europa sind, in Verbindung gebracht. Die meisten rieten uns, weiter zu reisen. Spanien habe Probleme mit sich selbst. Deswegen habe ich mich direkt auf den Weg nach Deutschland gemacht und bin sieben Tage später schlussendlich in Stuttgart gelandet.

Herr Sahad. Ihre Worte und die Geschichten, die Sie erzählen, sind sehr ergreifend. Vielen Dank für Ihre Offenheit.

Vielen Dank, dass Sie sich diese Geschichten anhören. Es ist wichtig, dass die Menschen in Europa wissen, aus welchen Gründen wir flüchten und was wir für ein besseres Leben auf uns nehmen.