TExt: TOM Krasel

José Ignacio Landaluce ist seit 2011 Bürgermeister von Algeciras, einer spanischen Hafenstadt am Mittelmeer. Landaluce sorgt sich besonders in Zeiten wie diesen um seine Stadt, denn die Flüchtlingskrise ist auch im Süden Andalusiens präsent: “Das Problem ist, dass wir als Stadtverwaltung nicht über ausreichende Ressourcen verfügen, die Migranten so zu versorgen, wie es jeder Mensch verdient”, beklagt der 59-Jährige.

Darunter leiden nicht nur die Asylbewerber, sondern auch die Polizei – so auch 20 Kilometer weiter östlich in La Línea de la Concepcíon. Die 60.000-Einwohner-Stadt grenzt direkt an Gibraltar. Etwas abseits vom Zentrum befindet sich eine kleine Flüchtlingsunterkunft. Die städtische Polizei kümmert sich hier um die Hilfsbedürftigen und sorgen für ihre Sicherheit. “Wir machen hier zwar unsere Arbeit, aber dafür fehlen bei mir zu Hause die Polizisten auf den Straßen. Das ist keine seriöse Polizeiarbeit”, berichtet ein anonymer Beamter.

Gerettete Geflüchtete steigen in einen Bus, um zur nächsten Unterkunft zu fahren.

Während seine Kollegen den Abtransport von etwa 150 Flüchtlingen in Bussen zu einer größeren Unterkunft durchführen, spricht er eine interessante Tatsache an: “Haben Sie gesehen, welche Hautfarben die Flüchtlinge hier haben? Sie sind nicht alle dunkelhäutig. Ein paar sind deutlich heller als andere.” Der Polizist behauptet, es seien Wirtschaftsflüchtlinge aus Pakistan, Indien und Bangladesch, die sich unter die Immigranten mischen, die vor Krieg aus Afrika fliehen. Eine schlechte Wirtschaft, hohe Arbeitslosenquoten und schlechte Arbeitsbedingungen sind seiner Meinung nach die Gründe, warum die Wirtschaftsflüchtlinge nach Europa kommen. Hier wollen sie bessere Arbeitsplätze finden und mehr Geld verdienen. Nachdem die Balkanroute geschlossen wurde und auch Italien seine Häfen dicht machte, sollen sie jetzt über Nordafrika nach Europa gelangen. An seiner Theorie hält der andalusische Beamte weiter fest: “Sie nehmen ein Flugzeug nach Marokko und kommen dann mit den anderen Flüchtlingen über das Meer.”

Algeciras Bürgermeister Landaluce

Zurück in Algeciras. Spanien hat sich verpflichtet, mehr Flüchtlinge aufzunehmen als zuvor vereinbart. Bürgermeister Landaluce befürwortet zwar diese Entscheidung, ist dennoch auf zwei Arten engagiert: “mit dem Kopf und mit dem Herzen.” Mit der Art mit dem Herzen meint er freiwillige Helfer, die Seenotrettung und eben die örtliche Polizei, die den bedürftigen Menschen Hilfe leisten. Die Kopfsache dagegen sieht etwas komplizierter aus. Es kann keine Lösung sein, alle Afrikaner in Europa unterzubringen. Das steht außer Frage. Daher ruft Landaluce die Europäische Union auf, die Probleme in Afrika zu lösen: “Unsere finanziellen Mittel reichen nicht aus, selbst das reiche Deutschland hat nicht genügend Ressourcen, um all diejenigen aufzunehmen, die aus Konfliktzonen und Hungergebieten fliehen.” Die EU soll laut Landaluce zwischen verfeindeten afrikanischen Staaten vermitteln und die Versorgung von Lebensmitteln und Trinkwasser vorantreiben. Ähnlich wie der “Marshall-Plan” nach dem zweiten Weltkrieg soll ein Entwicklungsplan für Afrika für eine bessere Zukunft sorgen. “Alle Staaten müssen bei der Entwicklung Afrikas mithelfen,  insbesondere der Entwicklung jener Staaten, in denen die Migrationsbewegungen ihren Ursprung haben”, erklärt er. Aber bevor sich Landaluce mit seinen internationalen Plänen befassen kann, muss er erst einmal seine eigenen Bürger zufrieden stellen. Die spanische Regierung schuldet Algeciras immer noch viel Geld. Landaluce fehlen die Euros, um zum Beispiel alle Renten vollständig auszahlen zu können: “Wenn du nicht genügend Mittel für deine bedürftigen Mitbürger hast, fordern sie laut ein, dass sie zuerst dran sind. Es ist wirklich eine sehr schwierige Situation.”

Regierende wie Landaluce tun alles in ihrer Macht stehende, um die andauernde Flüchtlingskrise zu bewältigen. Der Unterschied in der Wahrnehmung zwischen Befehl erteilen und ausführen ist groß. Die ausführenden Personen erhalten eine ganz eigene Perspektive auf die Flüchtlingskrise. Diese Perspektive beziehen die Regierungsoberhäupte in ihren Handlungen vielleicht gar nicht mit ein. Landaluce ist ein Kämpfer, ein Visionär, ein Politiker. Es bleibt offen, wie sehr er in dieser Krise noch mitwirken wird.