Was zählt ist nicht nur auf dem Platz

Text: Nils Rüther

Das Camp Nou: Das größte Fußballstadion der Welt. 42 Jahre beträgt die Wartezeit für eine der heiß ersehnten Dauerkarten. 99.354 Menschen strömen an diesem Wochenende in das Bauwerk, um die Heimspiele des FC Barcelonas live und vor Ort sehen zu können. Das ist zumindest das gewohnte Bild im katalanischen Barcelona. Doch nicht am Tag des 01.Oktober 2017. Der Tag des Unabhängigkeitsreferendum Kataloniens.

In gelb gestreiften Trainingsshirts, den Farben der katalanischen Flagge, macht sich die Starmannschaft um Lionel Messi im Camp Nou warm. Doch an diesem Tag hallen keine Gesänge von den Rängen über den grünen Rasen. Das Stadion bleibt leer. Am Ende schlägt der FC Barcelona den UD Las Palmas mit 3:0. Der FC Barcelona gewinnt ein Spiel, das er nicht einmal austragen wollte. Zumindest nicht unter diesen Umständen, nicht an diesem prestigeträchtigem Tag. Der Verein hatte offiziell um eine Verlegung der Partie auf einen anderen Tag gebeten. Der in Madrid sitzende spanische Fußballverband erkannte jedoch die Legalität des Referendums, das über die Unabhängigkeit Kataloniens entscheiden sollte, nicht an und drohte, im Falle eines Boykotts der Partie, mit einer Punktstrafe, die den FC Barcelona im Meisterschaftsrennen merklich ausbremsen würde.

Ganz gleich wie das Spiel ausgehen wird, es ist ein kleiner Sieg für die Königlichen in Madrid. Entweder beugt sich der FC Barcelona dem spanisch-konservativen Verband oder Real Madrid bekommt durch den Nichtantritt Hilfe im Kampf um die Meisterschaft in La Liga.

Später bezeichnet Starverteidiger und spanischer Weltmeister Gerard Piqué das Spiel gegen Las Palmas als das schwierigste seiner Karriere. Der spanische Nationalspieler ist in Katalonien aufgewachsen und ein deutlicher Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens. Vor dem 100. Länderspiel für Spanien kündigt er seinen Rücktritt aus der spanischen Nationalmannschaft an. Immer wieder wurde er in Trainingslagern von „Fans“ beleidigt. In Heimspielen wurde er ausgebuht. Damit steht er sinnbildlich für ganz Katalonien. Jahrelang hat er alles für Spanien gegeben und riesige Erfolge mit der Nationalmannschaft gefeiert. Die Respekt, den andere Nationalspieler dafür bekommen haben, blieb ihm jedoch immer verwehrt. Weil er aus der verpönten katalanischen Region stammt. Weil er kein ganzer Spanier war, für viele der Fans. Gerard Piqué hat einen Schlussstrich gezogen und sich von der spanischen Nationalmannschaft, in der er nie völlig geschätzt wurde, getrennt. Ein Vorhaben, das Katalonien immer verwehrt blieb. Die Trennung von Spanien.

Gerard Piqué bringt seine Kritiker zum Schweigen.

Damit ist Piqué das Aushängeschild der katalanischen Fußballfans, selbst wenn die Führung des FC Barcelonas versucht, sich geschickt aus der Affäre zu ziehen und eine möglichst neutrale Position zu beziehen. Dass sich der Sport und Politik vermischt, ist jedoch kein neues Modell und überall auf der Welt zu finden. In Deutschland hat Werder Bremen beispielsweise AfD Mitglieder aufgefordert die Vereinsmitgliedschaft zu kündigen, da sich diese Werte nicht mit den Werten des Vereins vereinbaren lassen. Doch nicht nur in Europa findet man dieses Phänomen. Bereits seit 1913 wird in Argentinien der Klassenkampf auf dem Rasen ausgetragen. Das Superclásico zwischen Boca Juniors und River Plate ist für viele mehr als ein Fußballspiel. Das vermutlich bekannteste Derby der Welt ist vor allem ein Duell zwischen der Arbeiterklasse, die sich durch Boca vertreten fühlen, und der Oberschicht, in Form von River Plate. Das Stadion ist schon immer ein Ort für Politik. Selbst wenn dies viele Fans nicht wahr haben wollen. Als Fußballverein hat man eine enorme Strahlkraft, die nicht nur dafür genutzt werden kann, mit immens hohen Ablösesummen zu schockieren.

Und genau das gilt ganz besonders in Barcelona. Ganz besonders im Camp Nou. Bereits in den Siebzigern fungierte das Stadion als Zufluchtsort für die katalanische Bevölkerung. Als letztes Bollwerk, das mit aller Kraft die eigene Kultur verteidigt. In dieser Zeit wurde die katalanische Sprache verboten und als Reaktion darauf, ernannte der FC Barcelona katalanisch als offizielle Vereinssprache. Im Stadion konnte sorglos auf katalanisch gesprochen und gesungen werden. Ohne die Angst auf strafrechtliche Verfolgung.

Ob die Führung des FC Barcelonas es wahrhaben will oder nicht, der Verein ist mit seiner immens hohen Strahlkraft in ganz Europa das Gesicht der katalanischen Bevölkerung.

Der FC Barcelona ist die Unabhängigkeitsbewegung, die keine sein will. Mit friedlichem Protest und als Vereinigung der Bevölkerung selbst zeigt der FC Barcelona damit wie Protest und Revolte funktionieren sollten. Denn der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Die baskische Unabhängigkeit ist an genau dieser Problematik gescheitert. Die ETA war dort die Unabhängigkeitsbewegung, die eine sein wollte, die aber keiner mehr haben wollte.

Somit muss man dem Dortmunder Meistertrainer Alfred Preißler widersprechen. Was zählt ist eben nicht nur auf’m Platz. Fußball kann so viel mehr sein. Der Fußball kann am Weltgeschehen teilnehmen und nicht nur parallel dazu ablaufen. Der FC Barcelona kann nun beweisen, dass sie ihr Vereinsmotto leben wollen und nicht nur einzelne Persönlichkeiten sich für Politik einsetzen. Der FC Barcelona kann beweisen, dass er mehr als nur ein Club ist – Més que un Club.

Camp Nou, Stadion des FC Barcelona