Portrait: Jennifer Dold
Transkription: Vincent Büssow

Ben ist von der Elfenbeinküste durch Afrika nach Spanien geflohen. Er hat Schlimmes erlebt; trotzdem ist er positiv, glaubt an Empathie und will helfen.

 

Wenn man Bens Profil auf Facebook aufruft, sieht man einen jungen Mann mit lässiger Jacke und selbstbewusstem Blick auf einem Motorrad sitzen. Weitere Bilder zeigen ihn mit Freunden; immer in coolen Klamotten, immer am Lachen. Ein Bild zeigt ein Kind, darunter steht „Je t’aime, mon bébe.“

Es ist ein warmer Tag in Algeciras, der Hafenstadt im südlichen Andalusien. Ben kommt mit großen Schritten über den Platz gelaufen. Er zeigt zu einem nahegelegenen Café am Eck, wo man sich unterhalten kann. „Du musst dich in die Gesellschaft integrieren.“ Wenn man sich nicht integriere, um zu verstehen, wie die Menschen ticken, dann bleibe man immer Außenseiter. Es gebe Leute, die ihn manchmal komisch anschauen. Ben lässt sich davon nicht ärgern. „Wenn du hier“, er fasst sich an die Brust „schwach bist, kannst du in dieser Gesellschaft nicht bestehen – du wirst immer davon abhängig sein, was die Anderen über dich denken.“

Er spricht gutes Spanisch; arbeiten darf er jedoch nicht, weil ihm die nötigen Papiere fehlen. Diese bekommt er erst nach drei Jahren. Er hat ein Diplom der Hotelfachschule erworben und engagiert sich für Flüchtlinge. Er arbeitet für die NGO „Algeciras Agoce“; die Initiative „Stop rumores“ soll über die Gesetzeslage aufklären und Vorurteile aus dem Weg räumen. Gerade vor zwei Tagen fanden die Regionalwahlen statt; die rechtspopulistische Partei „Vox“ bekam so viele Stimmen wie noch nie zuvor. Er zeigt ein Musikvideo, in dem er selbst mitspielt. Die spanische Sängerin setzt sich für die Rechte von Migranten ein und ist eine Freundin von ihm. Das Lied heißt „Jérico“, der Name einer Pflanze, die in vielen Teilen der Welt wächst; sie ist eine hômage an das Recht sich frei in der Welt zu bewegen.

Ben ist 23 Jahre alt, er trägt modische Kleidung und lacht oft. Er wirkt wie ein normaler junger Mann, den Dinge beschäftigen, über die man mit Anfang zwanzig nachdenkt. Sein Handy klingelt. Es ist Alman, ein Freund, der jetzt in Deutschland lebt. „Ich habe viel von ihm gelernt. Früher da drehte sich bei mir alles nur um Partys.“

Ben hatte in seiner Heimat ein gutes Leben.  Als Geschäftsmann gehörten ihm drei Läden, er gab jungen Menschen Arbeit, die damit ihr Leben finanzieren konnten. Er spielte in der nationalen Liga Fußball und arbeitete als Model. Er hat eine Frau und eine achtjährige Tochter. 2011 kam es bei der Präsidentschaftswahl zu brutalen Aufständen, bei denen über 3000 Menschen starben. Ben verlor seine Existenz. Als Alassane dann an die Macht kam, war es schwierig Arbeit zu finden ohne Diplom.

Auf der Suche nach Arbeit verließ er sein Heimatland. Die lange Reise führte ihn zu Fuß durch die Wüste nach Algerien. „Die Wüste ist gefährlicher als das Meer;  wenn du dort stirbst, bekommt das niemand mit, der Sand vergräbt dich.“ In Algerien fand er keine Wohnung, weil er schwarz ist. Er überquerte die Grenze zu Marokko und floh von Tanger aus mit elf anderen auf einem Fischerboot nach Europa. „Von dem Moment an, als wir ablegten, haben alle nur gebetet. Dann lief das Boot plötzlich voll mit Wasser und Panik brach aus. Wir hatten Glück; ein Boot in der Nähe holte Hilfe. Am 19.01.2016 betrat ich zum ersten Mal spanischen Boden.“

Er fragt sich manchmal warum er sein Leben riskiert hat, für das was er jetzt hat. Es tut ihm weh, dass er seiner Tochter kein Geld schicken kann. Er vermisst seine Familie. „Wir würden am liebsten hier Urlaub machen und dann wieder heimkehren.“ Sein Land sei reich, doch der Reichtum käme nur einer Minderheit zu. Die Mächtigen unterdrücken die Armen. „Mein Land ist der größte Kakaoproduzent, doch den Preis für den Kakao bestimmt Europa. Die Arbeiter werden ausgebeutet.“ Wenn die Regierung nichts tut, um den Menschen zu helfen, dann haben sie das Recht, dorthin zu gehen, wo sie wollen.

Ben ist immer positiv. Empathie ist ihm wichtig. „Versetzt euch in die Lage eines Migranten: Er kommt aus einem Kriegsgebiet, er will so leben wie du, er will glücklich sein, er will die gleichen Rechte haben.“

Er würde gerne Geld haben, um den Menschen helfen zu können. Er sagt, er sehe und spreche mit dem Herzen. „Es ist das Herz, das zählt.“

Ben denkt, dass die Dinge sich langsam ändern. Die jungen Leute machen sich Gedanken über Migration. Sie verstehen, woher diese Menschen kommen, was sie denken und warum sie das tun. Wenn die Jungen darüber sprechen, verändert sich etwas. Wenn er seine Papiere hat hofft er, wieder nach Hause zurück zu können. Je t’aime, mon bébe.