Ausgeprägtes Partyleben und Angst vor der Arbeitslosigkeit – Willkommen in Spanien!
Text: Celina Allard,
Sina Klagemann
Will man das Leben der spanischen Jugend mit dem der deutschen Jugendlichen vergleichen, stößt man auf einige Unterschiede. Nehmen wir alleine das Freizeitleben. Die Spanier lieben das Miteinander. Geht man auf die Straße, wird jeder gegrüßt, das Gespräch gesucht und keine Berührung gescheut. Da es tagsüber oft sehr heiß ist, spielt sich die Freizeitgestaltung der Jugendlichen meist in der abendlichen Dämmerung ab. Am frühen Abend geht es raus, an den Strand oder in einen Park. Später wird gefeiert, wobei man am liebsten von Bar zu Bar pendelt, dabei Tapas isst und etwas trinkt. Erst ab Mitternacht fängt der Abend meist richtig an und dauert bis in die frühen Morgenstunden an.
Die deutschen Jugendlichen sind viel auf Youtube unterwegs und werden von sogenannten Influencern inspiriert. Das ist in Spanien nicht anders. Großen Einfluss hat hier eine Frau namens Dulceida. Sie ist die einflussreichste spanische Fashionista im “spanischen Internet”.
Sobald es aber an die Arbeitssuche geht, ist das lockere Partyleben vorbei. Die Eurokrise setzte Spanien sehr zu und die Arbeitslosigkeit stieg vor allem bei den Jüngsten drastisch. Mittlerweile strebt jeder Spanier einen Universitätsabschluss an, da er sonst auf dem Arbeitsmarkt keine Chance hätte. Aber selbst mit Abschluss ist die Zukunft ungewiss. Für viele steht deshalb schon früh fest, dass sie nicht in Spanien bleiben werden.
Freizeit
Text: Sina Klagemann
Generell lässt sich sagen: Das Freizeitleben der spanischen Jugend ist “etwas” anders als in Deutschland. Dabei spielen nicht nur geographische Lage und Wetterverhältnisse eine große Rolle – Die Spanier unterscheiden sich auch einfach vom Wesen komplett von uns Deutschen.
“Spanish people touch touch touch.”
David
Geht man hier in Deutschland auf die Straße, meidet man gerne alle anderen Leute und die anderen Leute meiden gerne einen selbst. Lieber wendet man den Blick ab, als in fremde Gesichter zu schauen und ihnen “Hallo” zu sagen. In Spanien ist es das genaue Gegenteil. Jeder wird gegrüßt, keiner scheut sich vor Berührungen.
“Es ist für mich vollkommen normal, dass ich in meiner Heimatstadt beim Einkaufen mit allen möglichen Leuten ins Gespräch komme.”
Miguel
Man kann es vielleicht auch so vergleichen: In Deutschland soll alles schnell und effektiv gehen. Die Spanier jedoch nehmen sich gerne Zeit dafür auch mit Anderen in Kontakt zu kommen.
Das Nachtleben ist für die spanische Jugend ebenfalls etwas anders. Natürlich gehört es für deutsche Jugendliche genauso dazu, abends in eine Bar zu gehen oder in einem Club mal so richtig abzugehen. Die Spanier drehen den Spieß jedoch um. Für sie geht es nicht wirklich ums Feiern an sich. Die Geselligkeit zählt. Dass man sich an einem Abend nur auf eine Bar festlegt, kommt selten vor. Was man hierzulande als Kneipentour bezeichnen würde, ist für die Spanier “Nachtleben-Alltag”. Abends auszugehen ist für die spanischen Jugendlichen ein Muss. Wer jedoch um drei Uhr schon nach Hause gehen möchte, ist dort an der falschen Stelle. Vor sieben Uhr morgens geht hier keiner. Die Abende fangen spät an (ca. 24 Uhr) und enden früh am Morgen (ca. 7 Uhr).
Treffen sich die Jugendlichen tagsüber, zieht es sie vor allem nach draußen. Man geht in den Park, hört Musik, spielt Fußball, … Vor allem im Sommer steht auch der Strand im Fokus, der von allen sehr geschätzt wird. Trotzdem ist tagsüber in Spanien nicht gleich tagsüber wie wir es kennen. Erstmal muss richtig Siesta gemacht werden, dann isst man was und so ab acht/neun trifft man sich mit seinen Freunden. Für die Spanier ist das sogar noch früh.
Ähnlich wie die Deutschen lieben spanische Jugendliche ihren Sport. Ob Fußball oder Tennis – Sport muss sein. Eine Barriere gibt es jedoch: Das Wetter. Oft ist es tagsüber zu heiß, um wie in Deutschland einfach mal mitten am Tag draußen kicken zu gehen.
Musiktechnisch ist vor Allem Reggaeton angesagt. Obwohl die meisten Künstler aus Nordamerika kommen, ist das Genre sehr beliebt.
Influencer/Social Media
Text: Jasmin Seifert
Nich
t nur in Deutschland inspirieren sie tausende junge Leute über das Internet. Auch in Spanien wimmelt es nur so vor ihnen – Influencern. Auf Plattformen wie Youtube und Instagram präsentieren sie ihr perfekt dargestelltes Leben und haben damit – vor allem auf die jüngere Generation – einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Diese Internetauftritte lassen sich auch die Spanier nicht nehmen, und legen mit Berühmtheiten wie Dulceida eine hohe Messlatte. Hinter dem Name Dulceida versteckt sich eine junge Dame namens Aida Domenech, die als einflussreichste spanische Fashionista im Internet bekannt ist.
Dulceida fing klein an mit einem Youtube-Kanal und kletterte an die Spitze der Karriereleiter: Heute präsentiert sie sich nicht mehr nur als Bloggerin, sondern macht sich auch als DJ und erfolgreiches Model (unter anderem für Intimissimi) einen Namen. In ihren Videos versucht sie auf authentische Art, ihre Follower an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Nicht umsonst wird sie als „Style-Queen mit sympathischer Bodenhaftung“ bezeichnet. Da ist es kein Wunder, dass sich so viele spanische Jugendliche mit ihr identifizieren möchten – insgesamt sind es 3 Millionen Follower auf Youtube, gefolgt von 2,5 Millionen Abonnenten auf Instagram, und die Zahl wächst stetig weiter.
Arbeitslosigkeit
Text: Celina Allard
“They know early, that they are not going to find a job.”
David
In Deutschland haben die Jugendlichen die Wahl: Nach der Schule machen sie entweder ihr Abitur, um danach ein Studium anfangen zu können, oder sie beginnen eine Ausbildung. In beiden Fällen haben sie in der Regel gute Chancen, im Arbeitsmarkt durchzustarten. Eine Wahl, die den Spaniern verwehrt ist. Besuchen sie nach der Schule keine Universität, haben sie schon so gut wie verloren.
Mit der Eurokrise stieg in Spanien die Arbeitslosigkeit ab 2009 drastisch. Die jüngste Altersgruppe der Erwerbstätigen, also alle zwischen 15 und 24 Jahren, hat es besonders schwer getroffen. 2013 erreichte die Arbeitslosigkeit dann ihren Höhepunkt. 55 Prozent aller Jugendlichen waren arbeitslos. Mittlerweile hat der Stand sich wieder etwas verringert, dennoch ist er immer noch sehr hoch.
Deswegen versuchen die jungen Spanier alles, um studieren zu können, denn ohne einen Universitätsabschluss ist der Zugang zum Arbeitsmarkt minimal. Doch auch diejenigen mit einem Abschluss sind betroffen, auch ihre Zukunft ist ungewiss. Teilweise finden sie lediglich Teilzeitjobs, die auf wenige Monate, oder sogar Wochen begrenzt sind. Die Verträge müssen dann immer verlängert werden, was den Arbeitgeber weniger für Versicherung, Gehälter und Abfertigungen kostet. Für viele steht deshalb schon früh fest, dass sie nicht in Spanien bleiben werden. Einige kommen deswegen nach Deutschland – erst für ein Austauschjahr, dann für immer.
“Ich bin momentan an einer Universität eingeschrieben und nach meinem Abschluss,
suche ich in Deutschland einen Arbeitsplatz, da ich hier eher einen bekommen werde als in Spanien.”Miguel
Madrid will dies jedoch nun beenden. Mit verschiedenen Hilfs- und Förderprogrammen plant die spanische Regierung die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Die seit Juni in Spanien regierenden Sozialisten wollen außerdem Rückkehr- und Wiedereingliederungsprogramme ins Leben rufen, um die ausgewanderten Spanier zurück zu holen. Mit der „Jugendgarantie“, verpflichtet sich Spanien nun auch, Menschen unter 25 Jahren bei der Jobsuche zu helfen. Ihnen soll zukünftig vier Monate nachdem sie die Schule beendet haben oder arbeitslos geworden sind, eine hochwertige Arbeitsstelle angeboten werden.
Um nicht nur theoretisches Wissen weiterzugeben, sind wir nach Jaén geflogen und haben uns selbst überzeugt, was es mit der Freizeitgestaltung und der Arbeitslosigkeit der Jugendlichen in Spanien auf sich hat.
Hier findet ihr die Reportage und das Interview, die wir während unserem Aufenthalt in Jaén erstellt haben.