Kommentar: Evelyn Clement

Die Katalanen protestieren weiter. Am 22. Dezember kam es wieder zu Protesten gegen eine Sitzung der spanischen Zentralregierung in Barcelona. In vielen Köpfen ist Katalonien eine weitere Region in Europa, die nur auf den eigenen Reichtum schaut und daher eine Separation von Spanien anstrebt. Aber so einfach lässt sich die Wut der Katalanen nicht erfassen. Da steckt mehr dahinter.

Katalonien ist sehr nationalistisch geprägt. Sicherlich ist das dem ständigen Wechsel von Regierungen und damit verbundenen Ausprägungen der Autonomie verschuldet. Die Katalanen sind selbstbewusst und wissen wie man kämpft. Für ihre Überzeugungen gehen sie bis ins Exil oder nehmen jahrelange Haftstrafen in Kauf. Ihnen scheint bewusst zu sein, auf was sie sich einlassen. Da kann es nicht nur ums Geld gehen. Mit einer absoluten Unabhängigkeit von Spanien würde Katalonien aus der EU fallen und damit würden viele Unternehmen das Land verlassen. Der Reichtum der Region wäre schnell dahin. Das ist auch den Katalanen bewusst. Eine Lösung kann nur mit Spanien und der EU gefunden werden.

Die nationalistischen Strömungen in Katalonien wurden vor allem während der Unterdrückung zur Zeit Francos bestärkt. Wenigen bekannt: Die Katalanen hatten unter Franco so zu leiden, da sie im Bürgerkrieg die Republik – Spanien – und nicht die Putschisten unterstützt hatten. Anerkennung haben sie bis heute nicht dafür erhalten. Stattdessen müssen sie ihre katalanische Kultur und Sprache schützen. Zu oft wurde Català verboten.

In den Jahren nach Franco fand Katalonien zunächst zur Selbstregierung zurück. 2006 wurde das Autonomiestatut noch einmal ausgeweitet. Vor allem aber wurde Katalonien in der spanischen Verfassung als Nation anerkannt und erhielt Ansätze einer Steuerhoheit. Ein Wieder-gut-machen der Leiden unter Franco. Es hielt jedoch nicht lange an. Spaniens übrige Teilgebiete wehrten sich gegen das bevorzugte Katalonien und Mariano Rajoy (Partido Popular) startete sogar eine Unterschriften-Aktion gegen das neue Autonomiestatut Kataloniens. Vier Jahre später wurde es durch das Verfassungsgericht für ungültig erklärt. Zudem wurde jeder Verweis auf Katalonien als Nation aus der Verfassung entfernt. Auch darf Katalonien nicht mehr in dem Ausmaß wie zuvor seine Steuern selbst verwalten. Das Verfassungsgericht hat damit gezielt die Regierungspartei  Partido Popular unterstützt. 

Nach Franco blieben viele im Amt, die jahrelang für den Diktator gearbeitet hatten – Folternde Polizisten, wie Politiker. Die Verfassung gründet auf eben diesen Politikern. So ist die Partido Popular von einem ehemaligen Francisten, Manuel Fraga, gegründet worden. Damit passt die Unterschriftenaktion Rajoys in das Bild der francistisch geprägten Partei. Dass zum Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 mit so massiver Polizeigewalt gegen die Wähler vorgegangen worden ist, hat sicher nicht zur Besänftigung der Katalanen beigetragen.

Noch heute sind Straßen und Plätze nach den Generälen Francos benannt. Wie sollen sich da Opfer der Franco-Diktatur wohl fühlen? Gar nicht. Franco hinterließ Wunden, die beachtet gehören. Es braucht mehr Aufklärung über die Diktatur und wie die Basken und Katalanen darunter litten. Es braucht eine würdevolle und tiefergehende Aufarbeitung der Geschichte. Es braucht Einheit und ein Aufeinander Zugehen. Mariano Rajoy war nicht der richtige für Gespräche mit den Katalanen. Mit dem neuen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez (Partido Socialista Obrero Españo) kann sich da schon eher etwas tun. Immerhin macht er keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Rajoy. Er sollte besser seine Chance als Verbündeter in diesem Punkt nutzen und die Katalanen ernst nehmen.